Brunnenviertlerin schreibt außergewöhnliches Buch

Evelyne LeandroWeltnichtraucher-Tag, Weltkindertag, Welttag des Buches – die meisten Berliner können wahrscheinlich den Sinn für diese Aktionstage erkennen. Gesünder leben, Kinderrechte stärken, an die Bedeutung von Büchern erinnern: das sind Ziele, die sind immer aktuell und auch für die meisten Brunnenviertler greifbar.

Am Sonntag, den 25. Januar ist ein weiterer Tag aus dieser Reihe, der Welt-Lepra-Tag. Was eine längst ausgestorbene Krankheit aus dem Mittelalter mit Deutschland, mit dem Kiez zu tun hat? Wer er wissen möchte, sollte Evelyne Leandro fragen, die seit 2010 im Brunnenviertel lebt und ein Buch über ihre Lepra-Erkrankung veröffentlicht hat.

Das erste, was Evelyne Leandro vor inzwischen fast drei Jahren lernen musste, war, dass Lepra gar nicht ausgestorben ist. Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. (DAHW) schätzt die Zahl der jährlich weltweit vorkommenden Neuinfektionen auf etwa 230.000 bis 270.000. Am stärksten betroffen sind Indien, einige afrikanische Länder und Brasilien.
 
Brasilien, das ist auch die Heimat von Evelyne Leandro. Wer das Buch „Ausgesetzt – Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit“ liest, lernt eine junge und gebildete Einwandererin kennen, charmant und mit vielen Möglichkeiten. Evelyne Leandro wurde 1981 geboren, kommt aus einfachen Verhältnissen. Bereits als Kind wurde deutlich, dass sie ehrgeizig ist, etwas erreichen will. Sie nahm dafür einen täglichen Schulweg von 30 Kilometern in Kauf, studierte trotz vieler Mühen Betriebswirtschaft. Sie wuchs heran zu einer modernen und erfolgreichen jungen Frau. Mit 22 Jahren lernte sie in Brasilien ihren Mann kennen, einen Deutschen. Mit ihm zog sie 2010 nach Berlin. Als sie aus Bahia im Nordosten Brasiliens ins Brunnenviertel kam, war sie voller Tatendrang.

Gerade als Evelyne Leandro begann, die deutsche Sprache zu  beherrschen und Fuß zu fassen, wurde ihr Elan 2012 von der Krankheit bebremst. „Von Anbeginn wollte ich nicht zulassen, dass diese Krankheit mein Leben zerstört oder mich daran hindert, das zu erreichen, was ich erreichen will“, schreibt sie im Vorwort ihres Buches. Deshalb hat sie den Kampf mit der Krankheit mit aller ihrer Kraft aufgenommen.

„Es ist nicht nur ein Buch über meine Krankheit. Es ist auch ein Buch über die Bewältigung von Problemen. Denn man hat immer die Wahl, ob man stehen bleibt oder weiter geht“, sagt sie. „Ich bin weiter gegangen und habe entschieden, nicht zu Hause zu hocken und auf mein Schicksal zu warten.“ Für Evelyne Leandro gehörte es zu ihrem langen Weg durch Krankenhäuser und unzählige Arztpraxen, alles über die Krankheit und ihre Heilung zu erfahren. So wurde sie zu einer Expertin für Medikamente und medizinische Begriffe – und für die Lepra-Erkrankung selbst. So lernte sie auch, dass man sich nur bei einem sehr engen Kontakt mit einem schwer Erkrankten infizieren kann und auch, dass das Bakterium unbemerkt viele Jahre im Körper schlummern kann. „Ich habe viel darüber nachgedacht, wo ich mich angesteckt habe. Aber ich werde es wohl nie erfahren“, sagt sie.

Durch die gute medizinische Behandlung in Deutschland wurde sie von der schweren Krankheit geheilt, ist heute gesund. „Ich bin dankbar, dass ich in Deutschland war, als ich krank wurde. Hier erhielt ich eine optimale Behandlung. In Brasilien wäre das vielleicht nicht möglich gewesen“, sagt sie. Zwei Jahre lang musste Evelyne Leandro alle ihre Pläne in Deutschland aussetzen, um die schwere Krankheit zu besiegen. Sie hat es geschafft und mit der Veröffentlichung ihres Buches ist dieses Kapitel für sie endgültig abgeschlossen. „Das ist meine Art, zu sagen: Ich habe es geschafft“, sagt sie. Nun kann ihr neues Leben endlich beginnen. Sie engagiert sich im Stadtteilverein, macht Aufklärungsarbeit und liest unter anderem einen Tag vor dem Welt-Lepra-Tag am 24. Januar im Lepramuseum in Münster aus ihrem Buch.

Der Weltnichtrauchertag ist übrigens am 31. Mai, der Weltkindertag am 20. September und der Welttag des Buches am 23. April.

 

20.01.15

Text und Foto: Dominique Hensel