Teezeremonie im Fo Guang Shan-Tempel

Gespannt warten wir draußen vor der Tür, bis uns die Äbtissin Miao Yen, die den buddhistischen Tempel in der Ackerstraße leitet, in Empfang nimmt. Wir waren im Rahmen des Projekts "Interkultureller Dialog" eingeladen worden, an einer traditionellen buddhistischen Teezeremonie teilzunehmen. Mit acht Teilnehmern sind wir eine ideal große Gruppe. Denn, so erklärte uns die Meisterin später, es müssen mindestens vier Freunde des Gastgebers zusammen kommen, um dieser traditionellen Zeremonie beizuwohnen. Wir sind alle sehr gespannt und können es kaum erwarten, bis es endlich losgeht.

Nachdem alle nötigen Vorbereitungen getroffen sind und das schöne Teeset, verziert mit den Händen des Buddha, auf dem Tisch steht, bittet uns die Meisterin, uns zu setzen. Sie ermahnte uns, während der gesamten Zeremonie Ruhe zu bewahren und unsere Fragen bis zum Schluss aufzuheben.
Um uns völlig auf das Ritual einlassen zu können, meditieren wir mit ihr einleitend eine Minute lang in der Stille. Dann beginnt sie, unter unseren neugierigen Augen das zuvor vorbereitete heiße Wasser in das Teekännchen und dann in die kleinen Tässchen zu gießen. Sie gibt die feinen Teeblätter auf einen kleinen Teller und reicht diesen herum. Es ist Oolong Tee aus ihrer Heimat Taiwan, wie sie uns danach berichtet. Jetzt darf jeder von uns einmal daran riechen. Sie duften angenehm frisch. Schließlich gibt sie die Blätter in das Kännchen und gießt den ersten Tee auf. Jeder bekommt eine Tasse und wir trinken alle ganz still, den blumigen Geschmack des grünen Tees genießend.

Im Folgenden gießt die Meisterin immer wieder Tee auf und gibt jedem, der möchte, Nachschub, bis alle zufrieden sind. Das gesamte Ritual wird von ihr in einer sehr andächtigen, meditativen Art ausgeführt. Einige von uns rutschen zwischendurch ungeduldig auf ihren Stühlen hin und her, sind wir doch ein so langes Stillsitzen und nicht Reden gar nicht gewohnt. Und sobald die Buddhistin uns alle anlächelt und erklärt, das Ritual sei abgeschlossen, sprudeln auch schon die ersten Fragen hervor, die uns seid mehr als einer halben Stunde auf der Seele brennen: Macht man das in den buddhistischen Familien auch genau so? Ist es immer derselbe Tee? Wann genau findet eine Teezeremonie statt?

Die Meisterin, die der Strömung der humanistischen Buddhisten angehört, die in der ganzen Welt vertreten ist, beantwortet alle Fragen mit viel Geduld und so gut sie kann.
Sie erläutert, dass eine Teezeremonie eine, wie wir gemerkt haben, sehr meditative Angelegenheit ist. Es geht vor allem darum, das eigene “Ich” loszulassen und sich völlig auf das Ritual einzulassen, ohne viel darüber nachzudenken. Der einzige Gedanke, den man während der Zeremonie haben sollte, ist der des “Mitgefühls” für die anderen Beteiligten. Mitgefühl ist ein sehr wichtiges Konzept im Buddhismus und dient dazu, sich von seiner egozentrischen Weltansicht zu lösen und statt dessen eine universelle Liebe für alle Geschöpfe zu entwickeln.

Das Trinken von Grünem Tee, erfahren wir, ist in Asien eine alltägliche Angelegenheit, Miao Yen vergleicht es mit dem Kaffee trinken der Europäer. Grüner Tee wird jeden Tag getrunken und das Aufgießen des Tees wird nach bestimmten Regeln vollzogen. Die Teezeremonie ist natürlich ein sehr besonderes Ritual, das besonders für Gäste des Hauses statt findet und auch eine Geste der Freundschaft darstellt. Die Teesorte wird vor dem Ritual nicht bekannt gegeben, man soll sich einfach darauf einlassen, ohne viel zu denken und zu wissen.

Von so viel neuem Wissen und der Gastfreundschaft und Herzlichkeit überwältigt schauen wir uns noch gemeinsam die  große rot-goldene Meditationshalle an. Man fühlt sich wie in eine andere Welt versetzt und die Stille und  Ausstrahlungskraft der Räume ist überwältigend. Jeder, der den Tempel noch nicht besucht hat, sollte dies einmal tun.

Dienstag bis Samstag ist der Tempel von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Es finden Meditationskurse, Chinesisch-Sprachkurse und weitere öffentliche Zeremonien statt. Im Eingangsbereich lädt ein Café mit Teeausschank und kleinen Speisen zum Verweilen ein. Es liegen Zeitschriften aus und auch Kinder sind herzlich willkommen.
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Text/Fotos: Louisa Weiss