Ramadan in besonderen Zeiten

Durch den Corona-Virus musste der Ramadan in diesem Jahr unter ganz neuen Bedingungen stattfinden. Die geliebten Traditionen gemeinsam in der Familie das Fastenbrechen zu feiern und mit der Glaubensgemeinschaft in der Moschee zu beten waren plötzlich nicht mehr sorglos möglich. Wie haben Anwohner*innen aus dem Kiez diesen Ausnahmezustand erlebt?

Wir haben mit Rima El-Said gesprochen. Sie ist seit Jahren aktiv im Quartiersrat und inzwischen auch Quartiersratssprecherin. Die meisten kennen sie über ihr ehrenamtliches Engagement im Kiez, unter anderem für die Gustav-Falk-Grundschule und das Familienzentrum Wattstraße.

"In diesem Jahr habe ich nur im engsten Kreis, mit meinen Töchtern zuhause, Ramadan gefeiert. Sogar meine Eltern konnten wir nicht besuchen, denn sie gehören beide zur Risikogruppe. Meinen Töchtern ist es sehr schwer gefallen, aber sie wollten Oma und Opa nicht gefährden. Sie haben ein sehr inniges Verhältnis zu meinen Eltern und meine Mutter hat uns am Ramadan immer sehr gerne bekocht.

Auch auf den Besuch der Moschee haben wir in diesem Jahr verzichtet. Ich war mir einfach nicht sicher, ob sich alle an die Hygiene-Vorschriften halten würden. Es liegt mir aber auch nicht jemanden vor den Kopf zu stoßen, indem ich ihn darauf hinweise. Es war halt ein Ramadan auf Sparflamme.

Da meine Kinder nicht in die Schule gehen konnten, haben wir in diesem Jahr viel gemeinsam zuhause gekocht. Es hatte auch durchaus seine Vorteile, dass sie nicht so früh aufstehen mussten. So haben wir unseren eigenen Rhythmus geschaffen. Die Kinder sind nachts bis zum Frühgebet um 3 Uhr wachgeblieben, haben gegessen, getrunken und ihre Hausaufgaben gemacht. Dafür konnten sie morgens länger schlafen. Sonst war es manchmal schwierig für sie sich mit leerem Magen in der Schule zu konzentrieren. Abends beim Fastenbrechen waren sie oft schon so müde, dass sie kaum noch etwas essen konnten. In diesem Jahr haben meine Töchter den Ramadan besser durchgehalten, auch wenn sie trotzdem hin und wieder eine Pause einlegen mussten. Ich überlasse ihnen da die Entscheidung, denn sie sind alt genug. Leider kann ich aus gesundheitlichen Gründen nicht fasten, dafür bin ich für das Kochen zuständig. In diesem Jahr hat aber auch meine älteste Tochter viel mitgeholfen. Sie wollte gerne ein paar aufwändigere Rezepte ausprobieren und so haben wir zum Beispiel Sushi selbst gemacht.

 

 

Normalerweise kommt mein Onkel mit Familie an Ramadan zu Besuch. Meine Jüngste freut sich immer sehr darauf und sie war natürlich enttäuscht, dass es dieses Jahr nicht ging. Ich denke mir aber das kann man ja nachholen. Vielleicht sogar schon in den Sommerferien, wenn sich die Situation weiter entspannt.

Wir haben auch Familie im Libanon, dort ist die Situation viel schwieriger. Durch die Wirtschaftskrise haben sich die Brotpreise um das 20-fache erhöht und dann kam noch Corona hinzu. Es geht an die Existenz, denn wenn man nicht arbeitet bekommt man auch kein Geld. Mein Onkel wohnt dort in einem palästinensischen Flüchtlingscamp. Wenn im Camp das Virus ausbrechen sollte ist das eine Katastrophe, denn die Menschen haben keine medizinische Versorgung. Viele Menschen dort haben auch nichts zu Essen und leiden Hunger. Mein Onkel hat deshalb an Ramadan zu einer Spendenaktion aufgerufen, um den Menschen im Flüchtlingscamp zu helfen. Im Vergleich dazu haben wir es sehr gut hier in Deutschland. Das wissen viele gar nicht und regen sich schon auf, wenn sie eine Maske tragen müssen.

Zusammen mit dem Quartiersmanagement hatten wir in diesem Jahr ein gemeinsames Fastenbrechen im OPZ geplant. Wie bereits andere Feste sollte auch das Fastenbrechen mit den Anwohner*innen aus dem Kiez zelebriert werden. Dabei wollten wir auch die Bedeutung von Ramadan und des Fastens für Muslime den Menschen näher bringen. Leider musste die Veranstaltung in diesem Jahr wegen Corona abgesagt werden."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

29.05.2020

Text: Julia Schonlau, Fotos: Rima El-Said